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 "Ungarische Literatur in deutscher Übersetzung"

 Die Projektarbeit, die den hier präsentierten und noch folgenden Publikationen vorausging, begann im August 1998: Die Idee, die ins Deutsche übertragene Literatur des Gastlandes zum Unterrichtsgegenstand im Fach Deutsch zu machen, liegt dabei auf der Hand. Eine Vielzahl derjenigen Aspekte, die Kulturaustausch prägen - so, wie er sich auch in Deutsch als Fremdsprache vollziehen sollte- , bündeln sich hier auf konzentrierte Weise. Außerdem ist die Beschäftigung mit der Gegenwartsliteratur des Gastlandes nicht nur für die Schüler, sondern - es darf zumindest in diesem Fall unterstellt werden - auch für Gastlehrer interessant. Daß die ungarische Literatur dann auch im Zentrum der Frankfurter Buchmesse steht, liefert für die Beschäftigung mit ihr weitere Aspekte und macht sie zusätzlich spannend.
Den hier präsentierten Ergebnissen ging ein lange Vorbereitung und viel Unterrichtsarbeit voraus: Der Börsenverein des deutschen Buchhandels lieferte auf Anfrage u.a. Verlagsadressen; nach Anschreiben stellten zahlreiche Verlage Rezensionsexemplare für die Unterrichtsarbeit zur Verfügung; der ungarische Übersetzungsfond half mit Autorenadressen; Autorinnen und Autoren gaben auf Anfrage spontan  Interviewzusagen; zahlreiche Interviews erfolgten bald in schriftlicher und direkter Form.      Publikationen bis Juni 1999:

Eine Vorschau auf unser Projekt im Kontext der Buchmesse mit Ungarn als Schwerpunktthema erschien am 13./14.März 1999 in der Süddeutschen Zeitung, :


Selbst der Staatspräsident ist ein Mann der Feder Ungarische Literatur ist im Herbst 1999 Schwerpunktthema bei der Frankfurter Buchmesse

 Wer hat eigentlich noch nie von der Frankfurter Buchmesse gehört? Die kennt ja wohl jeder! Der größte literarische Jahrmarkt weltweit. Mit Werken aus über 100 Ländern und 300.000 Besuchern.
Hätten Sie aber gedacht, daß in diesem Jahr, vom 13. bis 17. Oktober, Ungarns Literatur das Schwerpunktthema sein wird? Wahrscheinlich nicht. Denn sicher kennen Sie die typisch ungarischen Exportschlager: Plattensee (Naja: „Wo die Welt noch in Ordnung ist!“), Gulasch, Paprika und Tokajer Wein. Aber kennen Sie auch die berühmten Schriftsteller, die in Frankfurt präsentiert werden? Wir stellen Ihnen einige kurz vor:
Das ungarische Autoren-Team bei dieser Weltmeisterschaft der Literatur hat einen besonderen Spielführer: Es ist Arpád Göncz, der Staatspräsidenten der ungarischen Republik.  Weitere Spitzenkräfte auf der kulturellen Bühne sind György Konrád, der ist Präsident der Berliner-Brandenburgischen Akademie der Künste. Und György Dalos ist auch dabei, der Direktor des „Hauses Ungarn“ in Berlin, das ist unser Kulturinstitut. Auch in Deutschland schon viel gelesen und geachtet sind Péter Esterházy, Imre Kertész und Péter Nádas. Aber aus Ungarn kommt selbstverständlich ein gemischtes Team, u.a. auch Magda Szabó, sie ist Mitglied der europäischen Akademie der Wissenschaften. Und es kommen auch viele bisher noch unbekannte Schriftsteller-Talente, die zum ersten Mal einen großen Auftritt haben.      .. (Zeichnung: Tamás Barta, TLG Gyönk)

Insgesamt werden mehrere Tausend Bücher ausgestellt, auch in elektronischer Form. Der ungarische Pavillon erhält einen zentralen Platz auf dem Messegelände. Wir rechnen mit täglich 12.000 - 15.000 Besuchern. Kommen Sie auch? Ungarn ist übrigens der erste Staat aus dem ehemaligen Ostblock, dessen Literatur in Frankfurt Schwerpunktthema ist. Und so feiern wir mit Kulturprogrammen in ganz Deutschland, mit Tanz, Theater, bildender Kunst und Film. Denn die Frankfurter Buchmesse ist gleichzeitig die Eröffnung der Milleniumsfeiern des ungarischen Staates. Wir erwarten Sie!
Und warum beschäftigen wir Schüler uns jetzt schon damit?
Ja, haben Sie in Ihrem Literaturunterricht mit berühmten und lebenden(!) Schriftstellern Kontakt gehabt? Haben Sie in der Schule Gegenwartsliteratur gelesen? Beschäftigten Sie sich mit den Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn?
Wir ungarischen Schüler jedenfalls lernen an einem ungarn-deutschen Gymnasium bei einem deutschen Gastlehrer und schreiben für die größte deutsche Tageszeitung über ungarische Literatur in deutscher Übersetzung, die auf der Frankfurter Buchmesse Schwerpunktthema ist. (Puh!)
Wir werden die Autoren also zu uns einladen und mit ihnen Interviews führen. Diese Interviews werden wir der SZ zur Publikation schicken, damit die SZ-Leser mehr über Ungarn und seine Literatur erfahren.
Wir freuen uns darauf! Sie auch?
 

Bea Kemler
10a, AG Zeitung in der Schule
Gymnasium Tolnai Lajos
Gyönk/Ungarn



 

Das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel nahm das Projekt im April 1999 zum Aufhänger seiner Berichterstattung über die "Heiße Phase" der Vorbereitung Ungarns auf die kommende Buchmesse:
 


.   . Foto aus dem Börsenblatt, S.13 (Photo: G.Hühner): .   Text und Foto auch auf der Homepage der Frankfurter Buchmesse.



Wenig später erscheint in der SZ unser Porträt des literarischen Eröffnungsredners der 99er Buchmesse:

Süddeutsche Zeitung, 5./6.Juni 1999 (Von Péter Esterházy autorisiert):


Péter Esterházy im Interview: „Literatur ist eine wichtige unwichtige Sache“ Ein Porträt des ungarischen Eröffnungsredners der Frankfurter Buchmesse 1999

 Es gibt einen Mann. Er lebt in Budapest, nicht weit vom Zentrum, in einem großen weißen Haus, mit „Englischem Garten“, umfriedet mit einer üppigen Hecke. Er lebt dort mit seiner Familie, „Frau und vielen Kindern: 4 Stück“.
Es gibt einen Mann. Er trägt einen großen Namen. Der „Raum seines Schaffens ist seine Familie“. Davon hat er gleich zwei: Eine private und eine historisch-gesellschaftliche. Unter seinen Vorfahren sind Herzöge und Grafen, so bedeutende Persönlichkeiten, daß Speisen und Torten nach ihnen benannt wurden. Nach 1950 gilt man aber in Ungarn mit diesem Namen als „Klassenfeind“: auch der Familienbesitz wird kollektiviert, der Mann muß als kleines Kind aufs Land. Darunter leidet er jedoch nicht: „Frische Luft, Hühner, ein Stück Brot: Ein Einjähriger braucht nicht mehr.“ Doch Lehrer werden darf der Mann mit seinem Namen später nicht: „Vor solchen Subjekten will man die ungarische Jugend schützen“. Zum Glück hat der Mann jedoch „ein bißchen Talent für Mathe“ und arbeitet nach dem erfolgreichen Studium als „Systemorganisierer – als Systemorganisierer! Also: als Revolutionär“.
Es gibt einen Mann. Er ist ein Schriftsteller, der als Schüler gelangweilt gut lernt: In der zehnten Klasse verursacht es ihm große Schwierigkeiten, über den Klassenausflug einen Aufsatz zu schreiben; so schreibt ihn sein Vater. An der Uni denkt sich der Mann jedoch - ohne eine Zeile geschrieben zu haben -: „Ich bin Schriftsteller!“ Mit 22 beginnt er, den Stoff für sein erstes Buch „Fancsikó és Pinta“ zu sammeln: „Im Bus. Im Kopf. Lauter auf Blätter getippte verweiste Zeichen...“ Plötzlich kommt er darauf, daß er sich auf das Schreiben versteht, „es ist in meiner Hand“. Er schickt seine Texte an Zeitschriften und Verlage. Und bekommt sie zurück. „Aber ein junger Autor hat die Aufgabe, immer wieder an die Tür zu klopfen.“ Und irgendwann erscheint dann doch einmal etwas von ihm, und die Geschichte kommt ins Rollen, „like a sexmachine“.
Es gibt einen Mann. Er ist ein brühmter Schriftsteller. Seit seinem zweiten Buch arbeitet er „wie ein Bürokrat“: Jeden Tag von 9 bis 15 Uhr schreibt er, dann gammelt er ein bißchen herum,  entzweit oder versöhnt sich mit seiner Familie, „abhängig davon, ob es ein gerader oder ein ungerader Tag ist“. Es ist 25 Jahre her, daß er sich an seinen Schreibtisch setzte. Und da sitzt er noch heute. Mittlerweile sind seine Werke in 18 Sprachen übersetzt. Doch hält er Literatur heute für „eine wichtige unwichtige Sache; wichtige wichtige Sachen sind Brot und Eisenverhüttung“. Würde die Literatur eine große Rolle spielen, wäre das ein schlechtes Zeichen. Denn vor der politischen Wende 1989 galt in Osteuropa eher das Motto: Literatur statt Freiheit. Aus dieser Zeit stammt: „Kleine ungarische Pornographie“, ein berühmtes Buch des Mannes über das sozialistische Ungarn, das in mancher Hinsicht „ein politischer Softporno war“. Literatur hatte damals also mehr politische als künstlerische Bedeutung. Und so gewöhnten sich die Autoren daran, ständig gefragt zu werden; ihre gesellschaftliche Bedeutung sahen sie dadurch bewiesen. Dem Mann tut es nicht leid, daß dies heute anders ist.
Es gibt einen Mann. Er ist ein berühmter Schriftsteller, doch Karriere ist ihm nicht wichtig. Er hat nicht das Ziel, Literaturpreise zu erringen (davon hat er mit dem Kossuth-Preis den wichtigsten ungarischen für Kultur) oder in noch mehr Sprachen übersetzt zu werden. Ohnehin bedeutet das Übersetzen „immer einen Kampf zwischen Autor, Übersetzer und Verlag.“ Da ist es ein Vorteil, wenn der Übersetzer selbst schreibt (wie in seinem Fall Zsuzsanna Gahse): „Schriftsteller sind mutiger, bei Themen und Formulierungen.“ Der Mann findet es jedoch „wunderbar, ins Ausland zu fahren, wo man fast nichts versteht, und dort einen Menschen zu treffen, der meine Werke auswendig blasen kann“. Interessante Dinge passieren dabei: In Spanien wird er einmal gefragt, wie und mit welchen Waffen er gegen die Kommunisten kämpfte. Das Mißverständnis entstand, weil sein spanischer Übersetzer von „Kleine ungarische Pornographie“ Ungarisch nach einem Buch aus dem 19. Jahrhundert gelernt hatte... Solche Geschichten, sagt der Mann, seien zwar amüsant, aber auch ein Anlaß, vielleicht doch Sätze zu formulieren, die eindeutiger übersetzbar sind.
Es gibt einen berühmten Schriftsteller. Er interessiert sich nicht mehr für seine Bücher, sobald sie veröffentlicht sind. Sie beschäftigen ihn nicht mehr. Er hat kein Lieblingsbuch und auch keine Empfehlung, was man in der Schule lesen sollte. Statt dessen fragt er uns, welche Literatur uns gefällt. Er sei ein schlechter Kommentator seiner eigenen Werke, meint er, und wisse nicht, worum es in seinen Bücher gehe. Doch kennt er ihre Theorie, ihre Logik, ihre Konstruktion. Literatur sei wie Musik, er komponiere seine Texte. Denn der Roman funktioniere nicht durch die Wörter, die seien schon beinahe störend. Jeder Roman erzähle sowieso immer von den gleichen Themen: Liebe, Tod usw. Dadurch erhielten wir Kenntnis von anderen Dingen, eigentlich vom Leben, unserem Leben. Aber interessant sei das nicht so sehr durch die Handlung des Romans, sondern die Form. Und so wählt der Mann eine ungewöhnliche Konstruktion zum Thema, damit der Text um so ausdrucksvoller wird.
Es gibt einen berühmten Autor. Er schreibt. Wer haftet für die Sicherheit der Lady? Die Hilfsverben des Herzens oder Das Buch Hrabals, Donau abwärts: Vielgelesene und bewunderte Texte. Aber viele kritisieren seine Texte auch und halten sie für unverständlich, so etwa seine 85jährige Tante. Trotzdem denkt er, daß seine Texte leicht lesbar und spannend sind.
Es gibt einen ungarischen Schriftsteller. Er ist der Eröffnungsredner der Frankfurter Buchmesse; die ungarische Literatur wird in diesem Jahr dort Schwerpunktthema sein. Und doch hat der Mann zur Buchmesse eine ähnliche Meinung wie der Schweizer Autor Peter Bichsel: „Politikern fällt ein, daß Kultur wichtig ist. Eine Woche lang ist sie wichtig, danach passiert wieder lange nichts.“ Dennoch sei die Buchmesse eine wichtige Sache: „Außer den 3 - 4 ungarischen Schriftstellern, die in Deutschland schon bekannt sind, können sich auch noch andere Autoren einen Namen machen: Diese Gelegenheit muß man nutzen!“
Es gibt übrigens auch „Eine Frau“. Eines der phantastischen Bücher von Péter Esterházy, dem berühmten ungarischen Autor, der ungern Interviews gibt, auch deshalb, weil er bereits seit 8 Jahren an einem Roman arbeitet. Ihn zu einem Interview zu überreden ist nicht leicht; meistens schmeißt er die Bittsteller grummelnd raus.
Es gibt eine Ausnahme. Ist es ein unbedachter Moment? Jedenfalls öffnet er uns Gyönkern die Tür, bedient uns, antwortet auf unsere Fragen. Auf Ungarisch, denn Deutsch, behauptet er, spreche er „fehlerlos schlecht“. Aber was und wie er erzählt, ist fehlerlos klasse: Lesen Sie Esterházy!

Bea Badics
Krisztina Neumann
Viki Prémusz
AG Zeitung in der Schule
Gymnasium Tolnai Lajos
Gyönk/Ungarn
 
 
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Für die ZiS-Schülerinnen öffnete Péter Esterházy nicht nur die Tür seines Hauses in Budapest: Er, der eher grummelnde Antwortgeber, berichtete bereitwillig von seinem Leben und Schaffen.                                                  Photo: G. Hühner
 
 


Am 28.Mai 1999 erfolgte der Besuch beim ungarischen Staatspräsidenten, den ich im Januar 1999 um ein Interview zur Buchmesse gebeten hatte. Das Interview drehte sich jedoch auch u.a. um aktuelle Politik, die Beziehungen zu Deutschland
und "Zeitung in der Schule" in Gyönk.

Süddeutsche Zeitung, 12./13.Juni 1999 


Fortgang des Projekts

Vom 11.-16.Oktober 1999 war die  SZ-Gruppe - 15 Schülerinnen und Schüler, die Kunsterzieherin Andrea Manhalt und der Projektlehrer Gerald Hühner - auf der Frankfurter Buchmesse.; Sponsoren wurden gefunden: das Budapester Goethe-Institut übernahm die Fahrtkosten, das ungarische Kultusministerium die Kosten für die Übernachtung in einer Frankfurter Jugendherberge. Eine zweiteilige TV-Dokumentation des Projekts (Vorbereitung, Reise, Aktivitäten auf der Buchmesse) wurde durch das Kultusministerium in Auftrag gegeben, die Arbeit daran wird bald fertiggestellt sein. Am 6.November 1999 erschienen Interviews, Reportagen und Kommentare zu unserem Buchmesse-Besuch in der Süddeutschen Zeitung. 

Unsere Texte und Fotos, die auf der Frankfurter Buchmesse entstanden, finden Sie hier in unserem Beitrag zum Internet-Wettbewerb "50 Jahre Bundesrepublik Deutschland".

Eine umfangreiche Dokumentation des Projekts wird nach der Frankfurter Buchmesse erstellt. Sie wird eine Skizze der Planung, Organisation, Fragenkataloge, Interviewtexte, Publikationen in der SZ und weiteren Medien sowie Statements der Autoren enthalten. Diese Dokumentation wird beim Projektleiter erhältlich sein.
 



 
Die Frankfurter Buchmesse im Internet:
www.buchmesse.de
www.frankfurt-book-fair.com
  . (führt zu "Zeitung in der Schule...")  . (führt zur Hauptseite)