Süddeutsche Zeitung, 11./12.März 2000:


Ungarn auf der EXPO 2000
Interview mit Gábor Gérnyi, nationaler Kommissar für das ungarische Projekt

Was war zuerst: Das Huhn oder das Ei? Wir antworten: Natürlich die Ungarn! Denn alles wurde von Ungarn erfunden. Oder? Überzeugen Sie sich: EXPO 2000, Hanno-ver; Motto: Mensch - Natur - Technik. Um mehr zu erfahren sprechen wir mit Gábor Gérnyi, dem nationalen Kommissar für den ungarischen Beitrag der Weltausstellung. Unser zweites ZiS-Interview mit ihm, diesmal im Budapester Wirtschaftsministerium. Das erste Treffen fand im Juni 1997 am Anfang der EXPO-Vorbereitung in Gyönk statt, nach Herrn Gérnyi, "das erste wichtige Ereignis der Ungarn auf dem Weg nach Hannover." Die wichtigsten Schritte dahin wurden bereits getan. Und das sieht man Herrn Gérnyi auch an: Entspannt nimmt er sich Zeit für eine Premiere: Die erste Präsenta-tion des ungarischen EXPO-Programms in deutscher Sprache. In Hannover erwartet die Gäste eine Aus-stellung auf 1,7 Millionen m² Fläche, wo man Kulturen aus 191 Ländern kennen-lernen kann. Natürlich sind auch Ungarns Kultur und Geschichte dabei etwas Besonderes. Dies alles wird Ihnen unser EXPO-Pavillon beweisen. Und unser EXPO-Logo? Es handelt sich um eine An-spielung auf den berühmten "Wunder-hirsch", mit dem die Ungarn die Sage verbinden, dass dieser Hirsch unsere Vorfahren in das schöne Karpaten-Becken führte und ihnen so ihre zukünftige Heimat - in Europa - zeigte. Unser EXPO-Motto lautet: Tradition - Kreativität - Zukunftorientierung. Und für unsere Kreativität, sagt Herr Gérnyi, "ist der größte Beweis doch, dass Ungarn überhaupt noch exsistiert." Im übrigen sollen die Besucher "auf der EXPO ein lächelndes und hoffnungsvolles Ungarn sehen". Doch die Menschen könnten auch ein Scheinlächeln auflegen, "eine Ausnahme bilden da die Jugendlichen, deren Lächeln nie trügt. Aus diesem Grund stützt der ungarische Beitrag sich auf die Jugend unseres Landes". Herr Gérnyi möchte zum Beispiel gerne Studentinnen gewinnen, die als Hostessen auf der Ausstellung arbeiten sollen. Das bringe zwar ein gewisses Risiko mit sich, denn diese Handel- und Gastronomie-Studenten sind keine Profis. "Aber manchmal sind die Anfänger origineller als die Profis." Und junge Leute sollten auch das Programm maßgeblich gestalten. Aber nicht nur "klassische" Jugendorchester, sondern auf Bitte der Hannoveraner EXPO-Organi-satoren werden auch ungarische Hip-Hop und Rap-Gruppen ihr Bestes geben. Die jugendgeprägte Stimmung zeigte sich bereits bei der ungarischen Vorbereitung. Denn "bei den wöchentlichen Besprech-ungen gab es oft so heftige Diskusionen, daß sich die Jugendlichen mit ihren Streitigkeiten glatt verstecken könnten. Es kam sogar schon mal vor, dass Kaffeetassen vom Tisch fielen. Aber in den Tassen war nie Zyanid!" Denn der Streit diente einzig dazu, die beste mögliche Lösung zu finden. Kein Wunder, denn viele ungarische Mit-wirkende "betrachten die EXPO-Teilnahme als ihr Lebenswerk". Und so wurden "die getroffenen Entscheidungen alle strikt eingehalten, es herrschte gute Zusammen-arbeit und gegenseitige Achtung." Das Ergebnis spricht für sich! Die Vorbereitung ist mit dem Bau des Pavillons und mit der Organisation des Programms jedoch noch nicht zu Ende. Denn viele Ungarn wissen noch sehr wenig über die Weltausstellung. Anders war es mit der Frankfurter Buchmesse: "Da war mehr in den Medien, wegen politischer Skandale, diese Berümtheit will ich aber nicht haben", sagt Gábor Gérnyi. Nun haben wir wegen der EXPO zwar keinen politischen Streit, aber bei 2 Milliarden Forint Kosten insgesamt eine sehr hohe finanzielle Belastung. Sehr gut also, daß nach unserem Gespräch Verträge mit 3 ungarischen Sponsoren unterzeichnet werden. Und so endet auch unser zweites ZiS-Interview mit Herrn Gérnyi sehr erfreulich: Zur Eröffnung der EXPO wollen wir nach Hannover reisen, um von dort für die SZ-Leser zu berichten. Herr Gérnyi dazu: "Wie kann ich helfen? Schicken Sie mir mal einen 'Wunschzettel'!" Ja: "Schön ist die Welt", heißt es im EXPO- Werbespot. Aber vielleicht fragen Sie sich: Werden wir in Zukunft noch Hühner haben? Werden sie Eier legen? Ganz einfach, fragen Sie uns Ungarn! Auf der EXPO in Hannover, 1.6. bis 31.10.2000. Sehen wir uns?

Bea Kemler
Martin Tóth
AG Zeitung in der Schule
Gymnasium Gyönk/Ungarn


Fotos:




Fotos: Gerald Hühner


Zeichnung: Tamás Barta


Zeichnung: Nóra Kálóczi





Der ungarische EXPO-Pavillon



Was ist das denn nun?
Eine Blume, Symbol für blühende ungarische Kultur? Zwei Hände, die, das beste aus Ungarn umschliessend, in den Himmel ragen, aber trotzdem nicht gleich nach den Sternen greifen? Das Mutterschiff der Menschheit, die Arche Noah, wie sie - voll bepackt mit Kunst, Literatur und Geschichte - , eben ganz nach unserem EXPO-Motto "Tradition- Kreativität-Zukunftsorientier-ung" in die Zukunft segelt? Schon vor der Eröffnung der EXPO 2000 hat der ungarische Beitrag, besser gesagt: seine "Behausung", für Furore gesorgt. Denn wer sich unseren Pavillon anschaut, weiß auf den ersten Blick nicht, was das Gebäude nun eigentlich darstellen soll. Eins aber ist gewiß: "Unser Pavillon steht in priviligierter Position auf dem EXPO-Gelände, in der Mitte eines Platzes, so, als ob Ungarn schon ein Mitglied in der EU wäre" - beschreibt Gábor Gérnyi, der verantwortliche ungarische EXPO-Organisator, die Lage. Das Bauwerk selbst besteht aus zwei Halbschalen, die den Ausstellungsplatz und eine Freilichtbühne umfassen. Ein Flügel jeweils - oder eine Hand, ganz wie Sie es auch nennen möchten - hat dabei eine Länge von 30 m, eine Höhe von 20 m und wächst 6.6 m in die Breite. Das oben erwähnte Herzstück, also der Ausstellungsraum und die Bühne erwartet seine Gäste auf einer Fläche von jeweils 300 Quadratmetern. Die gesamte Ausstellungsfläche des ungarischen Pavillons beträgt 3025 m², worin natürlich V.I.P - Räume, Gästeräume und ein Restaurant mit inbegriffen sind. Das Skelett des Bauwerks besteht aus einer 200 t schweren Stahlkonstruktion, die mit einer Holzverkleidung aus Lärche umhüllt ist. Allein die Holzfläche der Flügel beträgt 3300 m². Verantwortlich für dieses Meisterwerk ist György Vadász, der den Archtitekten-Wettbewerb für dieses Projekt gewann. Er ist ein Spezialist auf seinem Gebiet, nicht umsonst wurde er bereits mit dem Ybl- und dem Kossuth-Preis ausgezeichnet. Ein weiterer Umstand spricht übrigens auch für ungarische Phantasie und Kreativität: Im Gegensatz zu den Niederlanden (ca. 54 Mill. DM) hatte Ungarn für seinen Pavillon nur ein Budget von ca. 5 Mill. DM zur Verfügung. Und doch konnte Ungarn etwas erschaffen, was "in Hannover für viel Aufregung sorgt" (Gérnyi). Auch der ausgearbeitete Zeitplan der Erstellung wurde exakt eingehalten; denn nicht nur Ungarn, sondern auch Deutsche arbeiteten Hand-in-Hand , um die Vorstellungen von György Vadász verwirklichen zu können. Am 24.11.99 wurde Richtfest gefeiert. Und der gesamte Gebäudekomplex soll am 28.02.2000 fertig sein und wird voraussichtlich am 30.April feierlich übergeben. Was mit dieser "Arche Noah ungarischer Tradition und Kultur" nach der Expo geschieht, ist noch ungewiss, aber sie wird bestimmt für gute Zwecke benutzt: Man denkt zum Beispiel an eine Veranstaltungshalle. Also, Interessenten: Meldet Euch! Wir wollen das Prachtstück in guten Händen wissen! Besuchen Sie es und uns doch schon mal vor der EXPO: Im Internet unter www. expo2000.hu.

Andreas Irmer
AG Zeitung in der Schule
Gymnasium Gyönk/Ungarn



Süddeutsche Zeitung, 8./9.April 2000:



Interview mit Norbert Bargmann, Vize-Generalkommissar der EXPO 2000, in Budapest


Er steht seit Jahren täglich um 5.15 Uhr auf und geht nicht vor Mitternacht ins Bett. Er ist heute in Mexiko und Colum-bien, verhandelt morgen mit Fidel Cas-tros Stellvertreter und empfängt den spa-nischen Thronfolger. Zwischendurch ist er mal eben für 4 Stunden in Budapest und gibt dabei uns Gyönker ZiSlern ein 20-minütiges Interview: Norbert Barg-mann, Vize-Generalkommissar der EXPO 2000, ein Projekt, dessen Umsatz in etwa dem Etat des ungarischen Staatshaushalts entspricht. Wir sind in Budapest, Messezentrum, 23. März 2000. Zunächst: Pressekonferenz zur EXPO 2000 und zum ungarischen Beitrag. Stand in Hannover ist: 180-190 Länder werden offiziell an der Weltausstellung teilnehmen: Weltrekord. Dabei hätte die Expo fast einige ihrer wichtigsten Aus-steller verloren, hätten die USA mit 7000 m² Ausstellungsfläche, die Türkei und Italien ihre Zusage nicht eingehalten. Nun werden ab Juni in Hannover, einer Stadt mit 500.000 Einwohnern, täglich 280.000 Gäste erwartet. Dazu gehört nach Umfragen wahrscheinlich jeder vierte Deutsche. Eine riesige Aufgabe. "Das sehen wir jedoch nicht mit Angst, sondern als Herausforderung, schließlich hat Hannover bei der CEBIT - 700.000 Besucher - bereits eine Feuertaufe dieser Art erfolgreich bestanden" (Bargmann). Dies gilt auch für das Verkehrssystem. 60.000 Autos täglich wurden verkraftet. Doch noch längst ist nicht alles fertig. Bargmann: "Es wird eng, aber wir werden es schaffen!" 5.500 Bauarbeiter arbeiten unter Hochdruck. Es wird eine Riesen-Veranstaltung und auch eine Riesen-Party: Besonders stolz ist Herr Bargmann auf die sogenannte "Plaza Latina", ein Projekt, bei dem 20 spanischsprachige Länder ein gemeinsa-mes Kulturprogramm präsentieren, dabei sind auch die 80-jährigen Jazz-Musiker von "Buena Vista Social Club"! Wie aber ist so ein gigantisches Projekt wie die EXPO finanzierbar? Sponsoren haben in Deutschland bereits 650 Milli-onen DM gespendet. Auch die Ungarn haben finanzielle Unterstützung im priva-ten Sektor gefunden: Nach der Presse-konferenz werden öffentlich Sponsoren-verträge unterzeichnet. So zeigt sich: Auch in Ungarn steht "PPP" nicht mehr nur für Puszta, Paprika, Piroschka, son-dern jetzt auch schon für "Private Public Partnership" (Bargmann). Dabei gibt es eine weitere Neuheit: Mit einem Buda-pester Bezirk ist erstmals ein Stadtteil Förderer einer Weltausstellung! Zum Ende der offiziellen Pressekonfe-renz gibt es eine Überraschung: Norbert Bargmann lädt alle Anwesenden, "beson-ders aber die jungen Freunde aus dem zweisprachigen Gymnasium in Gyönk" herzlich nach Hannover ein. Denn durch Gábor Gérnyi, den ungarischen EXPO-Kommissar, kennt er uns bereits und antwortet dann entspannt und ausführlich auf unsere Fragen: Warum überhaupt ist er in Ungarn? Zur Zeit wird sehr stark für die Expo geworben. Und in dieser Ange-legenheit ist Herr Bargmann auch in Bu-dapest. Und "weil Ungarn mit Gérnyi einen sehr rührigen EXPO-Kommissar hat, der sehr clever ist, wenn es darum geht, das ungarische Projekt zu fördern." Denn Ziele der ungarischen Teilnahme sind: Arbeit am Image, Standort- sowie Handelsförderung. Selbstverständlich, so Bargmann, bringe Ungarns EXPO-Bei-trag Ungarn auch näher zur EU. "Sym-bolisch wird dies durch die Position des ungarischen Pavillons mitten auf dem Europa-Boulevard bestens ausgedrückt. Auf vielen Broschüren und Titelseiten ist dieses phantastische Gebilde mittlerweile zu sehen. Und seine Idee einer sich öff-nenden Blume haben wir ein bißchen ge-klaut; ein Porzellan-Künstler schuf da-nach ein Geschenk für alle Teilnehmer-Länder der EXPO." Kein Wunder also, daß Bundeskanzler Gerhard Schröder kürzlich bei seinem Besuch auf dem EXPO-Gelände außer dem japanischen nur noch den ungarischen Pavillon besichtigte. Weltausstellung 2000: Die Welt und besonders die Jugend rückt zusammen. Das beste Beispiel: 1500 km entfernt von Hannover liegt das ungarische Gyönk, 2500 Einwohner. Und von hier aus planen wir einen Besuch der EXPO, an dem dann auch unsere ZiS-Partner aus Celle, 36 km von Hannover, teilnehmen werden. Norbert Bargmann, deutscher EXPO-Vize-Chef, sagt uns in Budapest dazu Unterstützung und Vermittlung von Interviews - auch mit Birgit Breuel - zu. Wir sehen uns also wieder auf der EXPO. Und die SZ-Leser hören von uns!

Bea Kemler
Bálint Farkas
Martin Tóth
Andreas Irmer
AG Zeitung in der Schule
Gymnasium Gyönk/Ungarn