PÄDAGOGIK
Themen der Ausgabe 5/2005

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PÄDAGOGIK - Magazin

Deutsch-slowenische Erfahrungen im "Ost-Westeuropäischen Umweltdialog"

Protokoll des Zivilisationsbruchs: der Auschwitz-Prozess

Kummerkasten im Internet

Kompetenter als früher

Standards für Lehrerausbildung

Mitgliederschwund bei der GEW

Berlin: Schulassistenten sollen Lehrer unterstützen

Hamburg: Projekt verbessert Ausbildungschancen für Hauptschüler

Keine unbezahlte Überstunden

Berlin: Deutliche Leistungsunterschiede zwischen den Bezirken

Virtuelles Kinderrathaus

Die Natur im Kreislauf der Jahreszeiten

Drastischer Rückgang der Schülerzahlen

Wettbewerbe der Initiative Projekt P vor

Stipendien für Kultur

Materialien

  • Musikschule
  • Trotzdem lernen
  • Ernährung - Bewegung -Gesundheit
  • 3D-Globus von National Geographic
  • Experimentelles Lernen im Matheunterricht

Kritik und Anregungen bitte an: Dr. Jochen Schnack, Moderator des Magazins

Deutsch-slowenische Erfahrungen im "Ost-Westeuropäischen Umweltdialog"

Die Überraschung war wechselseitig. Jure Verbancic, 17, Ptuj: "Das ganze Projekt war für mich eine sehr interessante Erfahrung. Ich war sehr erstaunt, dass wir mit den deutschen Partnern so viel gemeinsam haben, obwohl es auch viele Unterschiede gibt." Thomas Dodell, 18, Heubach: "Slowenien ist ja fast so wie Deutschland!" So ist das mit Europa: Die Erweiterung um zehn Staaten hat am 1. Mai 2004 zwar die EU wachsen lassen, doch sind Kenntnisse, gar europäisches Bewusstsein noch zu entwickeln und zu fördern. Europa wächst innerhalb seiner geographischen und politischen Grenzen durch unmittelbare Begegnung, mit der "Chance, neue Freunde aus einem anderen Land kennenzulernen, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu sehen und zu beurteilen und dies journalistisch zu bearbeiten." Aber wie kommt man dahin?

Bilaterale Partnerschaften
Die je 24 Schüler aus dem slowenischen Ptuj und dem schwäbischen Heubach sind Partner in einem interkulturellen Dialog, in den auch Schüler zehn weiterer Schulen aus Deutschland, Slowenien, Ungarn und der Slowakei in bilateralen Partnerschaften integriert sind. Nun sind Projekte im europäischen Kontext und gefördert auch aus öffentlichen Mitteln nicht neu. Hier gibt es jedoch einige Bausteine, die neu und pädagogisch sehr effizient nutzbar sind. Von Lehrkräften kann somit viel Energie vor allem in die eigentliche Umsetzung des Projekts investiert werden.
Ermöglicht wird dies durch das umwelt- und medienpädagogische Pilotprojekt "Ost_Westeuropäischer Umweltdialog": Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), IZOP-Institut Aachen sowie die Tageszeitungen "Delo" (Slowenien), "Nepszabadság" (Ungarn), "Sächsische Zeitung", "SME" (Slowakei) und "Süddeutsche Zeitung" stellen den beteiligten Schülern und Lehrkräften kostenlos eine Tageszeitung als tägliches Informations- und Unterrichtsmedium zur Verfügung, zur Erweiterung der Lese- und Medienkompetenz. Darüber hinaus unterstützen die Projektträger die direkte Begegnung der Partner; Schüler sind wechselseitig je eine Woche in den Alltag ihrer Partner integriert: Unmittelbare europäische Erfahrung. Sie recherchieren journalistisch ein konkretes Umweltthema vor Ort, publizieren das Ergebnis ihrer Arbeit auf Sonderseiten "ihrer" Tageszeitungen: Vermittlung der erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen an eine erweiterte - europäische - Öffentlichkeit.

Ein Netzwerk europäischer Bildung
Dabei erfolgte am Gymnasium Ptuj bereits ein bilingualer und interdisziplinärer Dialog: Gymnasiasten, einheimische Lehrkräfte und deutscher Programmlehrer arbeiten im Team. Mit Schülern und Lehrkräften aus Heubach erhält der Dialog eine internationale Dimension. Durch die weiteren Teilnehmer aus Deutschland, Slowenien, der Slowakei und Ungarn eröffnet sich eine erweiterte europäische Perspektive: Ein kleines Netzwerk europäischer Bildung, unbürokratisch erschlossen, transparent und multiplikatorisch wirksam.
Denn die überregionalen Tageszeitungen liefern nicht nur ein Material, das Europa und die Welt in den Unterricht umfassend, tagesaktuell und authentisch einbezieht. Das Medium öffnet Türen zu Personen und Institutionen, die Schülern sonst kaum zugänglich sind, und stellt dem Dialog eine publizistische Plattform dar. Und Publikation schafft Motivation: "Das Schreiben der Artikel für die DELO und die Süddeutsche Zeitung war zwar sehr anstrengend, aber auch sehr interessant, weil diese Artikel veröffentlicht werden."
Die gemeinsame Arbeit macht auch Lebensweisen und Sprachen im Europa der Regionen erfahrbar; interkulturelle schulische Arbeit wird als stimulierend erlebt: "Auch haben wir viel über Deutschland und seine unterschiedlichen Regionen gelernt. Die Mentalität unserer neuen schwäbischen Freunde war für uns zuerst eine »Herausforderung«, aber dann haben wir sehr gut zusammengearbeitet und hatten sehr viel Spaß. Wie man in Schwäbisch sagt: Es war a Mordsgaudi!".

Der Projektablauf
Das Projekt hat folgenden Ablauf: Die Schüler werden in das journalistische Arbeiten und ökologische Zusammenhänge eingeführt, sie stellen sich auf Websites vor, die erste Kommunikation erfolgt in einem Chat. Dann werden die Projektthemen von grenzübergreifendem Interesse gemeinsam recherchiert. Ptuj: "Massentierhaltung, Umwelt- und Verbraucherschutz" beim größten Geflügelproduzenten Sloweniens. Heubach: "Nachhaltiger Einsatz von Kompost in der Landwirtschaft - Vom Biomüll zum Humus". Es folgen die Arbeit an journalistischen Texten, die Auswahl geeigneter Fotos sowie die Publikation in den Tageszeitungen.
»In humus veritas«? - Das mag wohl übertrieben sein. Doch wurde dieses Pilotprojekt bei Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen in Ptuj und Heubach begeistert aufgenommen: Die interkulturelle Arbeit in und außerhalb Deutschlands war eine ideale Form der Vorbereitung auf die Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz (DSD II): "Es war sehr interessant, zwei Wochen lang am Stück nur Deutsch zu reden. Manchmal war ich sehr verwirrt, wenn mich jemand etwas in Slowenisch gefragt hat, gab ich die Antwort sofort in Deutsch." Im Nationalen Institut für Bildung der Republik Slowenien sieht man in dem Projekt ein ideales Angebot für die Umsetzung in den Europa-Klassen des Landes. Die Projektlehrer aus Ptuj und Heubach halten aufgrund langjähriger Erfahrung in ähnlichen Arbeitsfeldern fest: Im Gegensatz zum "klassischen Schüleraustausch" mit Unterrichtsbesuch und eher touristischem Programm gehen in diesem Projekt Leben und Arbeit Hand in Hand. Europa wird als unmittelbare Umwelt erfahrbar und in ökologischer Perspektive rückt Europa als Umwelt in den Blick, die es in doppeltem Sinne zu schützen und zu bewahren gilt: "Wir haben viele neue Freunde kennen gelernt, Beziehungen für die Zukunft geknüpft" und "hoffen, dass unser neues Wissen durch die Artikel in der DELO und der Süddeutschen Zeitung auch anderen Jugendlichen Tipps gibt, wie sie für eine saubere Natur und Umwelt sorgen können". Europa wächst!

Dr. Gerald Hühner
ist Lehrer am Gymnasium Ptuj/Slowenien.
Adresse: huehnersi@web.de
Nähere Informationen zu dem Projekt können unter der folgenden Adresse bezogen werden: www.dasan.de/gimptuj/eu.htm

Anmerkung: Die kursiv gesetzten Zitate sind den Texten der Projektschülern aus Ptuj/Slowenien entnommen, publiziert in der Süddeutschen Zeitung (SZ), 5.11.2004. Insgesamt erschienen zu dem Projekt der Gruppen aus Ptuj und Heubach/Baden-Württemberg jeweils zwei Sonderseiten in der SZ und der "Delo", der größten slowenischen Tageszeitung.

 

 

Quelle: http://www.beltz.de/html/frm_paedagogikZ.htm