Interview mit Amazon.de
Süddeutsche Zeitung, 5./6.Februar 2000:



Zweck-Ehe mit Amazon(e)
Partnerprogramm online


Amazone? Amazonas? Kennt jeder! Aber wir sprechen jetzt nicht vom grössten Fluss der Erde oder kriegerischen Frauen. Wir reden über eine Internetseite, über den grössten Internet-Buchhandel der Welt, der sich wie ein Strom in der Welt verbreitet hat und mittlerweile auch bei uns in der südungarischen Provinz angekommen ist. Ein einstündiges Telefon-Interview mit Vertretern von Amazon. de: Mit Terry von Bibra, dem Associate Manager und Martina Frühwald, der PR-Managerin-Books. Wie es sich für echte ZiS-Reporter gehört, stellen wir natürlich auch Fragen, die oft von Profijournalisten kommen, aber nicht gerne, oder am liebsten gar nicht beantwortet werden. Dazu gehören z.B. Fragen nach bestimmten Zukunftsplänen des Unternehmens, die, wenn sie durch die SZ bekannt würden, Auswirkungen auf Börsenkurse haben könnten. Amazon.de ist die Tochtergesellschaft des US-Buchhandels Amazon.com. Hier bekommen die Kunden fast alles, doch keine Bücher, die auf dem Index stehen, also durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften verboten sind. Wird zwar in den USA z.B. Hitlers "Mein Kampf" zum Verkauf angeboten, so ist dies mittlerweile nicht mehr über Amazon.de in Deutschland erhältlich. Unter den lieferbaren Büchern finden wir natürlich nicht nur deutsche, sondern auch internationale Titel. So sind auch ungarische Topautoren, z.B. Imre Kertész oder Péter Esterházy vertreten. Und die Leser, die ihre eigene Meinung über bei Amazon angebotene Bücher gerne Kund geben wollen, können ihre Kommentare und Rezensionen über jedes Werk auf der Amazon-Website präsentieren. Die Besten werden ausgewählt und bei Amazon.de veröffentlicht. Dies gilt auch für die Gyönker-Arbeiten zur ungarischen Literatur in deutscher Übersetzung, die Sie bisher nur auf unserer Homepage - www.dasan.de/gyoenk - finden können. Man wird sich natürlich fragen, ob die Bücher per Internet billiger sind. Leider nicht, weil in Deutschland die Preise wegen der Buchpreisbindung von den Verlagen festgelegt werden. Doch ist der Versand der Bücher in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg kostenlos. So macht der Internetbuchhandel bisher zwar weniger als 1% des Allgemeinbuchhandels aus, doch ist die Tendenz der Nachfrage für Bücher per Mausklick steigend. Amazon.de bietet aber nicht nur Bücher. Doch noch ist es hier nicht so weit wie in den USA, wo man über das Internet auch eine Betonmischmaschine bestellen und bei Nichtgefallen gegen eine Gebühr von 5$ zurückschicken kann. Denn bevor Amazon.de ein Angebot in sein Programm aufnimmt, hat dieses einen langen Weg vor sich, denn es wird sehr streng geprüft, ob dies Angebot kundenfreundlich ist. Erst wenn dies sicher ist, dann wird es im Internet angeboten. Im Gegensatz zu anderen Buchläden im Net, die es gibt, hat Amazon.de etwas ganz Neues für seine Kunden, womit der Kunde sogar Geld verdienen kann: Das Partnerprogramm. Eine Erfindung von Amazon, für die man aber kein copyright besitzt. Das Prinzip dieses "marketing tool" ist einfach: Der Kunde, der ein Gewerbe besitzt, kann auf seiner Website ein Link zu Amazon legen. Wird er Partner, dann erhält er eine bestimmte Identifizierung. Und über diese kann Amazon dann nachvollziehen, wieviele Kunden über ein Link des Partners bei Amazon gelandet sind und was über das Link des Partners eingekauft wurde. Der Partner bekommt dann für jeden Artikel, der über seine Website bestellt wurde, ein bestimmtes Honorar, das von der Art des Artikels und natürlich vom Preis abhängig ist. Amazon.de zahlt bis zu 15% vom Nettopreis für jedes verkaufte Buch und für alle anderen geeigneten Produkte, für CD-s und Software 5%. Das Partnerprogramm ist also eine Zweck-Ehe, von der Kunde und Anbieter profitieren: Amzon.de vergrößert seinen Absatz und die Partner haben entsprechend daran teil. Zu den "Ehepartner" von Amazon gehören u.a. das Handelsblatt und Antenne Bayern, deren Zweck-Ehen ein verlockender Anlaß für "Singles" sein könnten, selbst den online-Bund mit Amazon einzugehen. Wenn der Verlauf dieser Beziehung aber nicht den Erwartungen entspricht, kann man ohne Anwalt und Gerichtsverfahren die Scheidung einreichen: Zwei Mouseklicks und ein Anruf genügen: Der Partner kündigt sein Konto bei Amazon.de und man ist wieder solo. Die Telefonleitung zwischen Gyönk und Amazon.de stand während unseres Interviews ausgezeichnet. Bestellungen können zwar auch jetzt schon von Ungarn aus bei Amazon.de getätigt werden, doch Lieferungen nach Ungarn bedeuten immer noch hohe Versandkosten. Stellt sich für uns die Frage: Wann liefert Amazon.hu? Unsere Interviewpartner halten diesen ungarischen Sprößling nicht für ausgeschlossen. Doch muß in dieser Beziehung noch abgewartet werden. Wir sind guter Hoffnung.

Balázs Batári
Andreas Irmer
Martin Tóth
Bea Kemler
Gymnasium Tolnai Lajos
Gyönk/Ungarn


Zeichnung: Tamás Barta, Gyönk