Süddeutsche Zeitung, 3./4./5.April 1999 (dort gekürzt erschienen):


Ein Ungar in Deutschland
Ferenc Lukács hat hier ein Stipendium, dank Zeitung in der Schule

 Viele Ungarn sind in Deutschland: Der Torhüter der Nationalmannschaft spielt bei Hertha BSC Berlin. Und Ferenc Lukács, 1996 als Schüler mit der ersten Gyönker ZIS-Gruppe zu Recherchen in Regenstauf, bewarb sich nach dem Abitur im Juni 1998 um ein Stipendium der Eckert-Schulen, das diese für einen unserer Schülerjournalisten ausgeschrieben hatten. Feri war erfolgreich! Seit September 1998 macht er nun dort eine Ausbildung als Hotelkaufmann! Grund genug, mit ihm darüber zu reden, wie es so geht.

TLG: Hallo Feri! Wie geht’s? Heimweh?

Ferenc: Na ja; als ich mich endgültig entschieden hatte, nach Regensburg zu gehen, wußte ich, daß es nicht leicht würde. Aber ich sah eine Riesen-Chance darin - bisher die größte meines Lebens. Und diese Meinung habe ich immer noch. Immerhin sind bereits 3 Monate vergangen, aber ich habe noch immer ein bißchen Heimweh, und ich glaube, das wird für immer so bleiben. Ich vermisse Ungarn, meine Familie, die alten Freunde in Paks und in Gyönk. Man sagt: Aller Anfang ist schwer. Aber alle Leute, die ich getroffen habe - auch in Regensburg -, haben mir sehr geholfen, die Schwierigkeiten zu bekämpfen.

Wie waren Deine ersten Eindrücke?

Alle hier sind echt nette Leute. Meine  Lehrer sind alle hochqualifiziert und haben große Erfahrungen im Ausland gemacht. Und mit meinen Klassenkameraden komme ich sehr gut aus.

Gibt’s Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache?

Ich habe kleinere Schwierigkeiten mit der Sprache, aber ich bin nicht der einzige, der nach der Bedeutung von Wörtern fragen muß.

Warum, sind auch noch andere Ausländer dort?

Ja, fast aus allen Ecken der Welt. In meiner Klasse sind Schüler aus der Türkei, aus Haiti, Mexiko, Kolumbien, Südkorea und Syrien. Fast 1/3 der Klasse kommt aus dem Ausland, aus dem einfachen Grund, daß diese Lehranstalt einen sehr guten Ruf hat. Auch einige Ungarn sind hier: In diesem Jahr macht ein junger Mann aus Esztergom eine IHK-Prüfung, in meinem Wohnheim wohnt ein  frisch getrautes Ehepaar und die Tankstelle hier wird auch von einem Ehepaar betreut, das aus Ungarn kommt. Also glaubt mir, ich bin nicht allein.

Erzähl uns bitte, wie Deine Ausbildung aussieht! Was ist anders als in unserem Schulalltag?

Unser Lehrgang ist sehr interessant, obwohl wir 39 Unterrichtsstunden pro Woche haben. Dienstags wird in der Lehrküche 4 Stunden lang gekocht, unter Betreuung von Herrn Geier, dem Küchenchef. Der andere Teil der Klasse serviert uns dann das Essen. Am Donnerstag ist es umgekehrt, und zwar unter der Anleitung unseres Klassenlehrers, das ist Herr Nagel. Zu diesem Unterricht kommt noch Betriebswirtschaftslehre, Warenanforderung, Getränkekunde, EDV, Praktische Fachkunde, Küche, Buchführung, Sozialkunde, Deutsch und Schriftverkehr, Ethik, Empfangslehre - Huh!- , Technologie und Umwelt, Hotelbetriebslehre, Servierkunde, Theorie, Sport, Fachrechnen, Ernährungslehre und Menükunde ... und noch ganz viele unterschiedliche Sachen, die ich Euch jetzt nicht verraten werde, nur, daß während der Ausbildung auch Englisch und Französisch unterrichtet wird.. Mein Unterrichtstag kann bis 17.15 Uhr dauern.  Was sagt Ihr dazu? Nicht schlecht, was? Ansonsten dauert hier eine Stunde auch 45 Minuten. Im nächsten Jahr werde ich 6 Wochen Schule nach 6 Wochen Praktikum  im Hotel Maximilian oder im Hotel Casino haben. Ich warte schon auf diese Zeit.

Puh, hört sich ziemlich anstrengend an! Und wie lange dauert es, bis Du als Hotelkaufmann endgültig ausgebildet bist?

Voraussichtlich werde ich im Juli 2000 auch die IHK-Prüfung ablegen.

Wo und wie wohnst Du zur Zeit?

Ich wohne in einem Wohnheim, gleich neben dem Casino-Hotel, in dem wir 1996 mit unserer ZIS-Gruppe 3 Tage waren, und habe ein schönes Zimmer mit Blick auf einen kleinen Park in Regensburg-West. Ein Schul-Bus bringt mich morgens nach Regenstauf und abends um 17.30 Uhr zurück. Ich habe die Gelegenheit, jeden Tag zu schwimmen und zu trainieren, aber leider nicht immer die Zeit dazu.

Möchtest Du anschliessend in Deutschland arbeiten oder woanders?

Nachdem ich die Prüfung abgelegt habe, möchte ich, wenn möglich, hier ein paar Jahre arbeiten und dann nach Hause zurückkehren und dann..., aber das ist noch ein Geheimnis der Zukunft. In der Gastronomie gibt es sehr viele Möglichkeiten. Mit meiner Ausbildung kann man z.B. auch als Flugbegleiter oder auf einem Luxusschiff, selbstverständlich aber auch in einem Hotel arbeiten

Kannst Du anderen hier empfehlen, auch eine Ausbildung - und im Ausland - zu machen?

Es ist sehr interessant, einen größeren Blick auf die Welt zu haben. Man lernt Kulturen, Gewohnheiten, Geschichte und Politik  fremder Staaten  kennen . Meiner Meinung nach ist eine gute Ausbildung im Ausland also echt was wert. Es kostet zwar sehr viel Geld, aber man sichert sich eine ruhige und finanziell gesicherte Zukunft. Aber wie ich selbst erfahren habe: Das Ganze hängt nicht nur vom Geld ab. Man muß was tun!

Gibt es für Dich bürokratische Schwierigkeiten als Ausländer in Deutschland oder läuft alles problemlos?

Vielleicht wundern sich manche, aber ich bin immer noch als Tourist hier. Die deutsche Botschaft wollte mir zuerst kein  Visum geben, weil es „so eine Ausbildung auch in Ungarn gibt.“ - „Laut Gesetz!“, teilte mir ein Herr im Konsulat mit. Ich bin in Regensburg zum Ausländeramt gegangen und mit der Hilfe von Herrn Schienle nahm der Direktor des Amtes meinen Fall in die Hände. Und, wie ich gehört habe, hat unser ZIS-Projektlehrer Gerald Hühner von Gyönk aus mit der deutschen Botschaft gesprochen. Und dort hat Frau Godknecht, Kultur- und Wissenschaftsattaché, ihm mitgeteilt, daß es kein Problem sein dürfte, wenn ich jetzt das Visum bei der Botschaft offiziell beantrage -, mit dem Hinweis auf unser ZIS-Projekt und das Stipendium der Eckert-Schulen. Hier in Regenstauf bekomme ich alle Unterstützung von Herrn Schienle, wofür ich mich bedanken möchte. Es ist beruhigend zu wissen, daß die Schule sich um die Schüler kümmert.

Besten Dank, Feri, für das Interview! Und weiterhin viel Spaß und Erfolg!

Ich danke Euch ebenfalls. Hat mir viel Spaß gemacht!

Interview:
Tamás Barta
Tibor Gaál
10a, AG Zeitung in der Schule
Gymnasium Tolnai Lajos, Gyönk/Ungarn
 
 

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