Gyönk in der Süddeutschen Zeitung

Wer die Seite "Zeitung in der Schule" der SZ, der größten meinungsbildenden deutschen Tageszeitung, die weltweit gelesen wird, regelmäßig verfolgt, für den ist Gyönk und das Gymnasium Tolnai Lajos seit 1996 ein Begriff. Hier einige SZ-Artikel, in denen Schülerinnen und Schüler sich mit ihrer Schule und ihrem Ort vorstellten. Aufgrund ihrer erfolgreichen  Arbeit mit Berichten auch aus Ungarn für die SZ erhielt unsere AG im Frühjahr 1999 eine erste journalistische Auftragsarbeit: Für die SZ-Länderbeilage "Ungarn" schrieb unsere Gruppe über die Situation, Hoffnungen und Wünsche ungarischer Jugendlicher aus Gyönker Sicht:
 

 Süddeutschen Zeitung, "Länderbeilage Ungarn", 30. März 1999:

 
 Im ungarischen Weltdorf 
Schüler des Tolnai Lajos Gymnasiums in Gyönk über ihre Berufsziele und Hoffnungen 

  Wer Budapest verläßt, ist sofort in einer anderen Welt. Zumindest aber in einem anderen Ungarn. Tibor Gaál tut diesen Schritt jeden Sonntag, um in unser Gymnasium zu kommen. 150 km südlich unserer Hauptstadt liegt Gyönk, ein Dorf mit 2500 Einwohnern. Hier lernen und leben wir im einzigen nicht-städtischen Gymnasium Ungarns, zwischen Gärten, Weinbergen und Obstwiesen. Im Ort 2 Kneipen, kein Kino im Winter, 3 Kirchen, Feuerwehr und eine Polizeistation. Tibor kommt freiwillig und fühlt sich wohl: „Hier ist es ruhig, man kann sich konzentrieren, nicht so viel Licht nachts wie in der Stadt. Man kann die Sterne sehen“. 
Leben wir deshalb hinter dem Mond? 
  Wir sind wohl nicht repräsentativ, aber haben als Schüler sicher die gleichen Probleme wie fast alle in Ungarn. Unser Schulsystem empfinden viele als konservativ. Es gibt riesige Lehrpläne, wir pauken Zahlen und Fakten ohne Ende. Gegenwartsthemen aus Politik oder Literatur kommen im Unterricht fast nicht vor. So weiß kaum einer etwas Konkretes über die EU. Klar: Man muß die Vergangenheit kennen. Zsuzsi Hum: „Wir wissen, welcher König vor über tausend Jahren wo, wie und wie lange herrschte. Aber wer ist eigentlich unser Finanzminister?“ Bálint  Farkas: „Die Jugend ist die Zukunft. Aber wie sollen wir die Zukunft bauen, wenn wir die Gegenwart kaum kennen?“ Kreativität und eigene Meinung werden auch zu selten gefördert:  „Werden wir so selbständig denken? Oder Spiegelbilder unserer Lehrer?“ „Und der Lernstreß gibt uns kaum Möglichkeit, uns in der Freizeit selbst zu informieren!“, meint Edit Bán. 
  Aber das könnten wir. Denn wir stehen gleichzeitig in einer alten und in der neuen Welt: Alle ungarischen Gymnasien haben nämlich Internet-Anschlüsse! Ein Nabel zur „großen Welt“. Und wir haben nicht nur viele junge Lehrer, sondern auch Gastlehrer aus Deutschland, Österreich, Schottland, den USA. Die bringen auch eine andere Atmosphäre, neue Methoden und Themen. Bálint Farkas: „Als Gerald Hühner nach Gyönk kam, da dachten wir, naja, deutscher Gastlehrer, Literatur, Grammatik und so. Keiner hätte gedacht, daß jeder Gyönker Projektschüler heute schon im dritten Jahr täglich die SZ bekommt.“ „Und daß wir jetzt mit ihm im Team diesen Artikel schreiben. Denn die SZ informiert uns nicht nur über die Welt. Wir informieren darin auch über unser Land.“ (Bea Kemler) Deutsche und ungarische Politiker gaben uns Interviews; wir schrieben über die EXPO 2000, über Siemens in München und Budapest, und jetzt über ungarische Literatur auf der Frankfurter Buchmesse. Wir sind also längst „Teil der modernen Welt“, nur noch nicht so berühmt wie andere Ungarn, z.B. Sir Georg Solti, Ede Teller, Ernö Rubik oder Cicciolina. 
  Wenn wir an die Zukunft denken, dann ist für uns Sicherheit besonders wichtig. Jeder wünscht sich später eine Familie, aber erst nach einer beruflichen Karriere. Journalist, Schriftstellerin, Opernsängerin, Fußballtrainer oder Meeresbiologin sind einige unserer Ziele. Daß das oft Träume sind, wissen wir, „aber ich habe nur ein Leben!“ (László Horváth) „Meine Mutter will nicht, daß ich Filmregisseurin werde, aber ich glaube nicht, daß ich deshalb verloren bin“, meint Zsuzsi Bankós. Und unser SZ-Karikaturist Tamás Barta möchte eine Karriere als Modedesigner machen. „Aber nicht so enden wie Versace!“ Fast alle haben zu ihrem Traumjob eine Alternative oder direkt einen realistischen Plan: Arzt, Jurist, Ingenieur, Reiseleiter, PC-Spezialist, Volkswirt, Lehrer, Übersetzer. Zsuzsi Hum möchte aber nach dem Abi erst einmal als Unicef-Helferin arbeiten, in Eritrea oder Vietnam. Danach erst studieren. 
  Und da wartet auf uns alle die nächste Hürde: „Was habe ich erreicht, wenn ich das Abi erkämpft habe? Neue Probleme.“ (Gergely Hanol) Denn dann kommt die Aufnahmeprüfung für die Uni. „Und bei der hilft das Abiturwissen kaum. Man muß sich ein spezielles Wissen nur für diese Prüfung einpauken; oft aus Büchern, die nur dafür geschrieben sind.“ Viki Prémusz kennt das Problem genau. Sie will in Pécs Soziologie studieren, also muß sie sich dort Bücher besorgen, die sie für die Aufnahmeprüfung braucht. 
  Und nach dem Studium? Zu den großen Problemen in Ungarn gehört die Arbeitslosigkeit. Deshalb ist uns ein sicherer Job so wichtig. Ein Lehrer z.B. verdient als Anfänger umgerechnet 300 DM. Das sind keine großen Aussichten. Doch glauben wir an unsere Chance. Auch durch die EU. Wir wissen zwar nicht genau, wie sich Ungarns Zukunft entwickeln wird. Doch alle können sich vorstellen, auch einmal längere Zeit im Ausland zu leben und zu arbeiten. 
  Sind wir deshalb „schlechte Ungarn“? Viki Prémusz: „Ach was! Wir leben und lernen in einem ungarisch-deutschen Gymnasium, haben Partnerschulen und -städte in Deutschland und Frankreich, Gastlehrer aus Europa, Amerika und Monica Hühner kommt aus Zimbabwe. Wir leben also in einem Weltdorf, reisen mit Auslandsstipendien vom Goethe-Institut, nehmen an Schülerzeitungsseminaren in Bad Marienberg teil, sind über Medien mit der ganzen Welt verbunden. Und das alles hier: In Gyönk, in Ungarn.“ 
  Leben wir also hinter dem Mond? Tibor Gaál hat seinen Schritt nie bereut: Emotional und sprachlich sind wir schon lange mitten in Europa. 

10A, AG Zeitung in der Schule; Gymnasium Tolnai Lajos,Gyönk/Ungarn 
 

 

 

Unserer ersten Publikation für "Zeitung in der Schule" war ein Artikel vorangestellt, der Gyönk kurz präsentierte:

Süddeutsche Zeitung, 22./23.März 1997 (leicht redigiert):
 
  
Ein Fleckchen im Universum: 
                              Mit der Lupe auf der Suche 

 Kennen Sie eigentlich Gyönk? 

  Gyönk ist ein kleines Fleckchen im Universum. Kleine und große Fleckchen, wie z.B. München, unterscheiden sich innerhalb dieses Raumes kaum. Wenn wir ein bißchen näher kommen, dann muß zugegeben werden, daß wir eine größere Lupe bräuchten, um Gyönk auf der Landkarte zu erkennen. 
  Gyönk liegt in Südungarn, ein bißchen abgelegen der sogenannten neuen Zivilisation. Es ist aber näher zu München als Tokyo oder New York. Das ist für diese Städte ein großer Nachteil, für uns ein Vorteil. (Macht eigentlich jemand aus Japan beim Projekt "Zeitung in der Schule mit"?) Wir haben auch nur zwei Kneipen -, im Gegensatz zu München. So 
können wir auch nicht sagen: "Wer die Wahl hat, hat die Qual". 
  Bei uns fahren übrigens weniger Autos als bei Euch. So sammeln sich dann weniger Abgase an, und so kann niemand behaupten: "Mensch Meyer, ist in Gyönk aber dicke Luft!" - Ach ja, da muß ich noch erwähnen, daß wir unser Veto im Gyönker Parlament gegen die Absicht eingelegt haben, einen Flughafen zu bauen. Wir wollten nicht das ewige Dröhnen anhören, was natürlich bei Euch die Sache ist. Ihr Armen! 
  Der Reiz Gyönks - im Gegensatz zu Eurem Panorama und den schönen Seen -, ist unser Park. Mann, ist der groß! Er ist 1000 lang und 2000 breit. Und die Bäume -, das kann man sich gar nicht vorstellen! Stimmt, es gibt sie nämlich nicht. 
Ach, ich habe mich wohl vorhin verraten: Gyönk ist ein Dorf, aber größer als die umliegenden Dörfer. Wir haben ca. 2500 Einwohner. Die Fläche von Gyönk, ebenso wie die des Parks, geben wir lieber in (Quadrat-)Zentimetern an; so wirkt es etwas größer. 
  Die Schule, die hab' ich ja ganz vergessen (wie das hier fast alle tun). Sie ist klein, aber fein, klug ohne Wut; also schmächtig, aber prächtig. Wir fühlen uns innerlich nicht verknotet, und wir lügen uns nichts in die Tasche. So sind wir also einerseits wie ein typischer SZ-Leser: "jung und gebildet". Andererseits wissen wir es sehr zu schätzen, in der SZ publizieren zu dürfen. Denn so werden wir dann vielleicht auch einmal "kaufkräftig". 
  Also viel Spaß beim Lesen; und denken Sie daran: Gyönk ist eine Reise wert! 

Tóth, Roland 
11b, AG Zeitung in der Schule 
Gymnasium Tolnai Lajos, Gyönk/Ungarn 
 

 

 

 
Im Frühjahr 1998 erstellte eine 9.Klasse unter Leitung des ZiS-Projektlehrers ein komplettes "Jetzt"-Heft (Jugendmagazin der SZ). Thema: "Hölle und Paradies: Leben im Schülerdorf GyönK". Hier Titelblatt und Titelstory (leider ohne 3 Fotos):
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Hölle und Paradies 

  Ein Dorf, Gyönk, da denkt man an einen kleinen Ort, viel Natur, Haustiere und nichts los für junge Leute. Ein großer Irrtum! Hier ist alles ein bißchen anders als sonstwo. In der Woche ist hier richtig was los. Im Dorf gibt es ein Gymnasium mit Internat, das das Dorf mit Jugendlichen füllt. Was soll man hier machen?, fragen die Jugendlichen, die Gyönk noch nicht kennen. 
  Na ja, die meisten treiben Sport, meistens Handball, aber eventuell auch Volleyball oder Athletik. Ein Platz zum Rumhängen, der fehlt. Im Winter kann man nicht immer draußen sitzen, im Park ist es dann auch zu kalt. Man will auch mal die Musik etwas lauter drehen. Und man will ja auch nicht immer von Erwachsenen beobachtet werden! Da es keine Alternative gibt, ist die Lösung „Tocsi“; so heißt die Kneipe für Jugendliche. Hier trifft sich die heutige Jugend von Gyönk. Die Schüler des Gymnasiums und die jungen Leute aus dem Dorf lernen sich an diesem Ort kennen. Hier kann die Musikbox dröhnen, kann man Billiard, Tischfußball spielen und hier gibt es mehrere Spielautomaten. 
  Wenn man sich aber „nur“ unterhalten will, geht man in die Kemler Privatbrauerei, da kann man aber nur schwer dem frischen, schaumigen Bier widerstehen. Und wenn die Schüler des Internats nach dem reichhaltigen Internatsessen ihren Hunger lindern wollen, bietet Valinéni (Tante Vali) mit der größten Freude ihr Schmalzbrot an. 
  Jeden Dienstag und manchmal auch am Donnerstag ist Kino, wo man auch den Abend verbringen kann. Nur ist es schade, daß die neuen oder guten Filme auf sich warten lassen. Dafür kann man im Dunkeln aber sehr schön knutschen. Wenn man aber von allem schon genug hat: Kopf hoch! Der gute, alte Weinkeller steht noch leer, da kann man noch eine Party feiern. Nicht nur die Abende, sondern auch Nachmittage kann man hier schön verbringen. 
  Gyönk ist ein ruhiger Ort, mit schöner Gegend, Hügeln, Weinbergen, Obstwiesen. Man kann lange Spaziergänge machen (falls man keine wilden, freilaufenden Hunde trifft). Es gibt mehrere Parks, in denen man sich bei gutem Wetter unterhalten kann. Viele Schüler fahren Inline-Skater oder Fahrrad, aber der Straßenzustand ist dazu schlecht geeignet. 
  Und die Wochenenden? Darüber kann man nicht viel sagen. Ein ganz normales Wochenende heißt: Fernsehen, Lernen, Musik hören oder einfach: Nichts tun. Die leere Straße am Wochenende ist einfach die Hölle. Es gibt keine Disco im Dorf; wenn man mit Freunden ausgehen möchte, muß man in die Nachbardörfer fahren. 
Im Sommer ist aber wieder Leben im Dorf. Viele Treffen/Lager werden veranstaltet und viele Ausländer sind im Dorf. Durch die Partnerstädte kommen viele junge und ältere Leute zusammen. Die meisten Touristen bleiben aber leider nur ein paar Tage lang. Sie strömen durch unsere breite Straße und kaufen für sie billige Zigaretten, Salami, Schnaps, Wein und natürlich scharfe Paprika. Den ganzen Sommer über kann man hier ausländische Wörter hören und davon meistens deutsche. 
 

 
   Die "jetzt"-Heft Redakteure 
 
 
 

Hölle und Paradies (2) 
 

  Obwohl jeder diesen weltberühmten Ort kennen sollte, sag ich Euch’s nochmal: Gyönk ist ein kleines Dorf in Südungarn. Aber das wissen wohl nur wenige, daß Gyönk das kleinste Dorf ist, in dem es ein Gymnasium gibt. 
  Die, die Gyönk nicht kennen, denken sicher, das Leben sei langweilig hier. Aber das ist nicht so, besonders dann nicht, wenn die Internatsschüler am Sonntagabend zurückkommen und bis Freitag  hier die Luft verpesten. Das ist dann so, als ob das Dorf aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Die Straßen füllen sich mit Menschen und die Stille der Nacht wird von lauten Gesängen durchdrungen. Aber wenn freitags der letzte Schulbus die engen Gyönker Gassen verlassen hat, kehrt wieder Friedhofsstille ein. Aber die Bewohner des Dorfes spielen auch eine große Rolle, nämlich immer dann, wenn gute Stimmung auf dem Dorfplatz ist. Aber die Internatsschüler sehen das Dorf, in dem wahrscheinlich der Hund begraben liegt, etwas anders. 
  Jede Medaille hat zwei Seiten: auch Gyönk. Nämlich dann, wenn man jeden Morgen um 6.45 Uhr aufstehen und den Müll zur Straße bringen soll, was man zu Hause ja auch nicht jeden Tag tut. Und auch hier, wie überall sonst auch, beginnt um 8 Uhr der Unterricht. Und wenn die Stunden zu Ende sind, dann wartet auf uns im Internat ein „wohlschmeckendes, den Magen füllendes Essen“: die Gyönker Internatskost. Oder denken wir an die Lernstunden im Internat, von 16-20  Uhr mit zwei kleinen Pausen. Pünktlich um 22 Uhr müssen wir schlafen. Obwohl dies alles so furchtbar klingt: Wir haben vor den Lernstunden eine große Pause, manchmal sogar 2 Stunden, die wir in verschiedenen Arbeitskreisen verbringen können. Hallenhandball, Tanz, Zeitungs-AG usw. gehören dazu. 
  Und wenn das einige nicht so interessiert, dann können sie die berühmten Gyönker Plätze aufsuchen, nämlich: Venus, Tocsi-Bar, Kemler-Pub. Hier kann man Vergnügen finden, allerdings nur die, die das dürfen oder die etwas in der Tasche haben. 
  Bei traditionellen Gyönker Bällen oder Partys herrscht gute Stimmung und jeder kann sich amüsieren, wie er will. Solche Feste sind: Einführungsfeier für die Erstklässler, Bandweihe, Tolnai-Tage, „Der grüne Tag“, Abschlußfeier für die Abiturienten. 
  Aber die kleine Gesellschaft, die sich in unserer Schule entwickelt hat, ist für uns viel wichtiger. Und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, daß so viele Schüler gerne nach Gyönk kommen. 
  Und weil dies alles so ist, ist der Ort, wie er ist. 
 

 (Weitere Infos und Projektskizze zu "Jetzt" im link "Zeitung in der Schule".)
 

 . (führt zu "Gyönk und das Gymnasium Tolnai Lajos")
 . (führt zu "Zeitung in der Schule...")