"135 Jahre Gymnasium Ptuj"

17. Dezember 2004
Jubiläumsfeier im Gymnasium Ptuj
Interview mit Dr. Milan Zver, Bildungsminister der Republik Slowenien


Impressionen:


Teilnehmer:
Jure Verbancic (Medienprojekte, DSD), Simona Munda (Medienprojekte, DSD), Leon Serbak (EUROPA-Klasse, DSD) und Sabina Serbak (Medien-Projekte, DSD)
Redaktion und Fotos: Gerald Hühner



1) Herr Minister, Sie haben am Gymnasium in Ptuj Abitur gemacht: Welchen Eindruck haben Sie von der Schule nach Ihrem Besuch heute?

Da ich das Gimptuj besucht habe, kann ich schon sagen, dass ich ein spezifisches Kind dieser Schule bin. Heute, da ich wieder hier bin, kann ich mich an die alten Zeiten wieder sehr lebendig erinnern; auch weil ich alte Lehrer und Schüler, aber auch Angestellte des Gymnasiums getroffen habe. Aber am Meisten habe ich mich über die Lehrer gefreut, die ich nach langen Jahren erstmals wieder getroffen habe. Wie Sie selber wissen, hat das Gymnasium Ptuj eine ausgezeichnete Tradition auch im fach Deutsch: Als ich vor vielen Jahren hier in die erste Klasse ging, ist bei mir zuhause ein Auto mit deutschem Kennzeichen vorbeigefahren; der Fahrer hielt an und hat nach derm Weg gefragt. Ich habe ihm den Weg beschrieben, und der Fahrer meinte: »Du sprichst aber sehr gut Deutsch! In welche Schule gehst du?« Ich habe geantwortet: »In das Gymnasium Ptuj!« Der Fahrer darauf: »Aha, das kennen wir!« Die kleine Szene zeigt, dass das Gymnasium Ptuj wirklich eine Schule mit großer Tradition ist: Ich weiß nicht, ob der Autofahrer ein Österreicher oder Deutscher war, aber scheinbar war und ist der gute Ruf der Schule weit verbreitet! Und wir sind ja hier in einer Region, in der lange Zeit sowohl Slowenisch als auch Deutsch gesprochen wurde.



2) Wenn Sie sich zurück an Ihre Schulzeit erinnern: Waren Sie ein guter Schüler? Gingen Sie gern zur Schule? Was hätten Sie damals geändert, wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten?

Ich ging gern in die Schule, aber die Situation war damals ganz anders. Für mich war die Schule nicht nur ein Ort der Ausbildung und des Lernens, sondern auch der Sozialisation, so eine Art Treffpunkt mit anderen Menschen, Schülern, Gleichaltrigen, weil es auf dem Land so etwas nicht gab wie in den Städten. Das bedeutet, mein Ziel war es damals nicht nur, zu Lernen und gute Noten zu erreichen, sondern auch mit anderen zusammenzusein, sich zu unterhalten und auszutauschen. Mehr oder weniger habe ich sehr gute Erinnerungen an die Freunde aus der damaligen Zeit, wir haben uns gut verstanden und hatten Noten immer im Bereich zwischen »3« und »4«. Aus diesem Rahmen fiel keiner heraus. War einer schlechter, haben wir geholfen. Wir haben besonders viel Sport getrieben und ausserschulische Aktivitäten gehabt. Ich denke, dass die damalige Schule etwas gegeben hat, was die heutige Schule nicht mehr so bieten kann: Wir mussten zwangsläufig kritischer denken und die Dinge kritischer verstehen. Die Schule hat damals nicht so viel Faktenwissen gefordert, die Betonung lag auf dem Verstehen der Sachen und darin bestand ihre Qualität, dies hat mir bei meiner Entwicklung später sehr geholfen.



3) Sie sind seit kurzer Zeit Minister für Bildung und Sport: Was sind heute Ihre wichtigsten Pläne/Ziele als Minister für Bildung und Sport? Wo muss am meisten investiert werden? Was ist Ihrer Meinung nach in der Schule, besonders im Gymnasium zu reformieren?

Schon seit ein paar Jahre bin ich fest in der Politik tätig und bin jetzt in einer Position, in der ich aktiv etwas umsetzen kann.Wieviel ich tuen kann, ist aber abhängig von anderen Faktoren, besonders von finanziellen Möglichkeiten des Staates, von den Mitarbeitern, die ich führe und von dem Schulsystem im Allgemeinen. Am Ende zeigt sich alles in Eurem Wissen, dann zeigen euere Fähigkeiten, ob wir unsere Arbeit gut gemacht haben oder nicht -, das gilt nicht nur für die Verwaltung oder den Minister, sondern auch für die Lehrer in euren Klassen. Zur Zeit stehen wir nicht an der europäischen Spitze, das ist klar. Aber Europa nähert sich in seinen Systemen immer mehr einander an, sowohl im Hochschulbereich als auch im Berufs-, Grundschul-, Mittelschulwesen. Und so könnte sich die Qualität stufenweise verbessern, wenn diese gemeinsamen Kriterien auch in Slowenien gelten. Die bisherigen Ergebnisse unserer Schüler sind im Vergleich objektiv nicht so schlecht, dass wir sie nicht verbessern könnten. Ich glaube, dass wir Slowenen viele Möglichkeiten haben und gut ausgebildet werden.



4) Unsere Schule koordiniert ein Comenius-Projekt, an dem Schulen aus Deutschland, Ungarn, Italien und Polen beteiligt sind. Das aktuelle Thema ist »Demokratie in den Schulen«. Wie sollte Ihrer Meinung nach der Stand der Demokratie in slowenischen Schulen sein?

Es gibt zwei Extreme: Auf der einen Seite Anarchie, auf der anderen ein totalitäres System. Demokratie ist selbstverständlich keines von beiden. Es geht in der Schule um den Respekt zwischen Lehrern und Schülern und um gute Beziehungen, was bedeutet, dass man die Würde Anderer respektiert und auch selber respektiert wird. Nur so kann man über Demokratie in der Schulen sprechen. Demokratie bedeutet aber auch, dass die Schüler Entscheidungen treffen, dass die Schulleitung die Schüler ernst nimmt und ihnen zuhört, wenn sie Entscheidungen treffen. Also: Gute Beziehungen, Respekt, Beteiligung der Schüler an Entscheidungsprozessen, die gerade die Schüler angehen. Das würde für mich Demokratie in den Schulen sein.



5.) Welche Studien empfehlen Sie den slowenischen Abiturienten?

Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr Naturwissenschaft und Technik-Studenten geben würde, weil auf dem slowenischen Arbeitsmarkt technische Kräfte fehlen. Einen großen Wert werde ich während meiner ersten Amtszeit auf die Berufsausbildung legen: Wir müssen einen Weg finden, die naturwissenschaftlichen und technischen Examina zu fördern, in den geisteswissenschaftlichen Fächern und den Sozialwissenschaften sind wir schon an der obersten Grenze der Akzeptanz. Auch die Wirtschaft hat ihre Ansprüche, ihre Erwartungen, ihre Bedürfnisse und das Schulsystem muss ihnen folgen. Dass heisst, dass ich mit einer Promotion einiger Berufe, die weniger häufig erlernt werden ein neues Gleichgewicht schaffen muss auch hinsichtlich der Stipendienvergabe. Es sind einige Perioden in der europäischen Geschichte – in den 60er Jahren hat sich dies z.B. auch in Deutschland gezeigt – dass es zu viel Sozialwissenschaftler und zu wenig Techniker gab. Das sind periodische Schwingungen, mit denen sich die gesamte Situation auch immer wieder verändert.



6) Wie Sie wissen, wurden auch im Gimnasium Ptuj dieses Jahr zum ersten Mal Europa-Klassen mit erweitertem Unterricht in Fremdsprachen eingeführt: Welche Rolle spielen für Sie Fremdsprachen: Persönlich und in der schulischen Bildung ganz allgemein?

Wie schon der Präsident des Schulrates, Herr Glazer gesagt hat, sind PC-Kenntnisse und Fremdsprachen etwas Selbstverständliches geworden; das müssen wir alle beherrrschen. Einige sind besser darin, haben größeres Talent als andere; aber eine Basis müssen wir alle haben. Ich sehe mich selber als kein großes Talent und keinen großen Redner, aber trotzdem muss ich sagen, dass ich im Gymnasium Ptuj 4 Jahre Französisch gelernt habe, dann Deutsch und später musste ich auch Englisch lernen, weil das mein Beruf verlangt. Ich musste Fachliteratur nicht nur in Englisch, Französisch und Deutsch, sondern auch in Serbokroatisch lesen. Es ist also wichtig, dass wir Fremdsprachen beherrschen, damit wir uns in Europa verständigen können. Wenn man nach Italien, Frankreich, Deutschland oder England geht und die Sprache beherrscht, dann ist man konkurrenzfähig, die Türen sind einem geöffnet. Wenn man aber nur den Dialekt seiner Region beherrscht, dann ist man sogar in Ljubljana kaum konkurrenzfähig



7) Wie weit sind Sie mit dem Projekt der Subvention von Mahlzeiten der Schüler und Studenten?

Ich denke, es ist unfair, dass Studenten im Gegensatz zu Gymnasiasten Suventionen erhalten. An Gymnasien sind die Subventionen an Bedingungen geknüpft, nicht jeder kann diese Subventionen erhalten. Früher gab es den »Bon« für alle, aber es wäre nicht fair, wenn heute Ärmere und Reiche dieselbe Unterstützung bekämen. Die sozial Schwachen haben mehr Anrecht auf Unterstützung als die Reichen. Es geht um die Frage der Chancengleichheit. Man gibt denjenigen, die bedürftig sind. Aber trotzdem muss man die Subvention in den Gymnasien erhöhen. Im Vergleich mit Grundschülern und Studenten sind Gymnasisten benachteiligt. Gymnasiasten sind sozusagen die Opfer, weil sie anders als Studenten nicht stark organissiert sind, sie können den Staat sozusagen »erpressen«, Gymnasiasten können das nicht.



8) Busfahrkarten für Schüler werden immer teurer. Haben Sie auch hier Pläne, bei den Kosten zu helfen?

Insbesondere hier in Ptuj sind die Busfahrkarten teuer, in Ljubljana werden die Bustickets subventioniert. In Ljubljana bezahlt man 4.000 – 5.000 SIT und hier in Ptuj 14.000 –15.000 mit einem kleinen Zuschuss oder sogar den vollen Preis. Hier kann ich leider direkt nicht helfen, aber ich werde mich in dieser Sache kundig machen.




Herr Minister: Herzlichen Dank für das Interview!

Gruppenfoto mit Minister:

Eintrag ins Gästebuch des Gymnasiums:



Interview:
Jure Verbancic (Medienprojekte, DSD), Simona Munda (Medienprojekte, DSD), Leon Serbak (EUROPA-Klasse, DSD) und Sabina Serbak (Medien-Projekte, DSD);
Mitarbeit bei der Übersetzung: Ana Krajnc, Gregor Moleh, Klaudija Polajzar (Medien-Projekte, DSD), Damira Slodnjak (DSD);
Redaktion und Fotos: Gerald Hühner


Weitere Infos und Impressionen zur Jubiläumsveranstaltung:

Ehrengästen und Festreden: Infos und Fotos

Auftritt des Chors: Infos und Fotos

Szenen nach Edvard Kocbek: Infos und Fotos

Eröffnung des UNESCO-Projekts: Infos und Fotos

Projekt: "Das alte Ägypten"; Infos und Fotos





Hauptseite