Interview mit Gertrud Rantzen,
Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Slowenien,
Ljubljana; 4. März 2004



Gertrud Rantzen am Arbeitsplatz

Deutsche Wirtschaft in Slowenien
Gute Aussichten für das "Musterland der EU-Beitrittskandidaten"
Gespräch mit Gertrud Rantzen, Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Ljubljana

Wirtschaft ist langweilig? Trocken? Nervend? Von wegen!
Gertrud Rantzen lacht! Zwar war sie sehr überrascht, als sie die Anfrage zu einem Interview für das Projekt "Jugend-Schule-Wirtschaft" erhielt, aber das Projekt findet sie sehr gut, denn "es ist eine tolle Idee, nicht nur die deutsche Sprache zu lernen, sondern das auch mit einem Thema zu verbinden, weil dies so in der Schule nicht üblich ist. Das hilft dabei, Wirtschaft bekannter und interessanter zu machen, weil man bei Interviews mit Personen und Institutionen zusammenkommt, die man sonst nicht trifft."


Offene ...

So ist es: Ljubljana, Tomsiceva 3, 4.März 2004: Hier residiert die Delegation der deutschen Wirtschaft. Ein repräsentatives Gebäude: Kontrolle am Eingang. Danach öffnet sich eine Tür zu einem großen Treppenhaus. Hohe, helle Räume. "Jeans und Turnschuhe sind hier verboten. Normalerweise verkehren hier nur Krawattenträger". Kein Wunder, dass man uns in dieser Umgebung als Schüler sofort erkennt. Aber obwohl wir nicht die "übliche Uniform" von Vertretern der Wirtschaft oder Politik tragen, werden wir hier sehr höflich, zuvorkommend und auskunftsfreudig empfangen. Liegt es daran, dass unsere Interviewpartnerin Gertrud Rantzen selbst aus dem pädagogischen Bereich kommt?

Frau Rantzen ist die Delegierte der deutschen Wirtschaft in Slowenien. Sie stammt aus dem deutschen Norden, "von der Küste", wie sie betont, war ursprünglich Erzieherin, studierte dann Volkswirtschaft und ist nach beruflichen Stationen in Portugal, Malaysia, Berlin und wieder Portugal jetzt seit einem Jahr auf ihrem Posten in Ljubljana.

"Ein nervenaufreibender Job", wie sie sagt. Entspannung findet sie bei ihren Hobbys Lesen, Tauchen, Schnorcheln, Reisen und Wandern. Und das kann sie in den "wunderschönen Gegenden Sloweniens" sehr gut; sie spricht davon vielleicht sogar einmal den Triglav in Angriff zu nehmen, "weil man das ja einmal im Leben - wie die Slowenen sagen - gemacht haben muss."

Ihr Eindruck von den Menschen in Slowenien war anfangs geprägt von ihren Erfahrungen in Portugal, deshalb hielt sie die Slowenen zuerst für "schüchtern und freundlich zurückhaltend. Aber wenn man mit ihnen in Kontakt kommt, dann können Freundschaften fürs Leben entstehen!". Und was die beruflichen Erfahrungen betrifft so hält Frau Rantzen die Slowenen "für zuverlässig und fleissig. Sie sind aufrichtige Kaufleute, bereit zu Veränderungen, die sie mit Gelassenheit akzeptieren!"


...und konzentrierte Gesprächsrunde mit Schülern aus Ptuj

Die Aktivitäten der deutschen Wirtschaft im Ausland stehen in einer langen, über 100 Jahre alten Tradition. In über 80 Ländern der Erde gibt es Vertretungen der deutschen Wirtschaft; zu ihren Aufgaben gehört die Unterstützung und Beratung deutscher Unternehmen im Ausland und, im Fall des Büros in Ljubljana, die Unterstützung slowenischer Unternehmen in Deutschland.

Seit 1995 existierte das Büro der Deutschen Wirtschaft in Ljubljana als reines Info-Büro; seit 2003 ist es nun als Delegierten-Büro ein Dienstleistungsbüro. Das Ziel für den weiteren Ausbau ist, in den nächsten 2-3 Jahren eine bilaterale - deutsch-slowenische - Handelskammer einzurichten.
Das Büro versteht sich als Mittler zwischen Deutschland und Slowenien , es ist neben der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut eine der 3 großen deutschen Institutionen in Slowenien und hat "große Wirkung in Deutschland, da dort ein großes Interesse an Slowenien besteht." Deshalb ist Frau Rantzen auch ständig auf Veranstaltungen in Deutschland, weil "Slowenien ein Modeland für die deutsche Wirtschaft ist!" So ist sie also relativ viel in Deutschland, kann aber dort dann um so mehr Werbung für Slowenien machen.

Da der Verband der deutschen Kaufmannschaft noch in der Gründungsphase ist, gibt es jetzt auch noch keine direkten Mitglieder, doch "ca. 100-120 intensive Kontakte zu Unternehmen; ca. 250 Unternehmen existieren in Slowenien mit deutschem Kapital." Vertreten sind u.a. die Siemens Gruppe, MAN, Automobilzulieferer für VW, Opel, die Pharma-Industrie (u.a. Bayer, BASF, Merck) und andere Unternehmen wie Viessmann, DM, Obi und andere.


Exclusive Führung durch die Büros der Delegation

Deutschland ist Sloweniens wichtigster Handelspartner; das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern beträgt ca. 5 Milliarden EURO, wobei Slowenien eine positive Handelsbilanz hat, weil das Land mehr nach Deutschland exportiert als es von dort importiert. Dass ausgerechnet Deutschland ein so wichtiger Handelspartner für Slowenien wurde, liegt z.T. in der langen guten Tradition begründet; so war der Gorenje-Konzern schon sehr lange in Deutschland bekannt als Lieferant für das Versandhaus "Quelle". Aber auch in die Zukunft muss sich die slowenische Wirtschaft nach Frau Rantzen keine Sorgen machen: "Slowenische Produkte sind auf dem europäischen Markt konkurrenzfähig. Das erkennt man daran, dass sie sich schon in Deutschland durchsetzen konnten."

Die Stimmung deutscher Investoren in Slowenien ist nach Ansicht von Gertrud Rantzen gut. Angemerkt wird jedoch oft, dass Registrierungsverfahren oft viel zu lange dauern. "Lange administrative Verfahren bedeuten im positiven Sinne, dass es wenig Korruption gibt. Und die Länge der Verfahren hängt auch damit zusammen, dass in diesem kleinen Land auch die Personaldecke in der Verwaltung sehr klein ist, was automatisch zu längeren administrativen Prozessen führt", so Frau Rantzen.

Dass man im übrigen Europa Slowenien oft nicht einordnen kann und mit der Slowakei verwechselt kennt Frau Rantzen leider auch aus ihrem eigenen Arbeitsbereich. Sie glaubt, dass man wenig dagegen tun kann, außer: "Werbung für das Land machen! Aber diese Verwechslungen sind nicht böse gemeint. Und es ist noch nicht so lange, dass Slowenien Teil Jugoslawiens war. Und so wird es wahrscheinlich noch mindestens eine Generation dauern, bis sich Slowenien fest in Mittel-Europa auch im Bewusstsein der Bürger integriert hat."

Der EU-Beitritt wird sich nach Meinung von Frau Rantzen sehr positiv auf Slowenien auswirken. "Slowenien gilt als Musterknabe der Beitrittskandidaten, wird aber zunächst in dem EU-Kontext an Gewicht verlieren und um seinen Platz kämpfen müssen. Wirtschaftlich wird es insgesamt eher weitergehen wie bisher, das Land muss aber mehr für die Mittelständler tun. Es wird keine Auswirkungen auf die Exportindustrie geben; Änderungen aber im Inland, besonders im Bereich von Handel, Textil und Bauwirtschaft!"

"Vor allem aber die Konsumenten in Slowenien werden von dem Beitritt profitieren, weil das Preisniveau durch mehr Wettbewerb sinken wird."

Angesprochen wird von Gertrud Rantzen auch ein Problem: Sloweniens bilaterale Freihandelsabkommen müssen mit dem EU-Beitritt wegfallen. So wird es zwangsläufig "einen Strukturwandel geben: Alte Arbeitsplätze fallen weg, neue im Dienstleistungsbereich werden entstehen und es wird eine Abwanderung der gut Ausgebildeten geben."

Insgesamt wird sich "der Beitritt für Slowenien sehr positiv auswirken! Das Handelsvolumen mit Deutschland wird sich auf ca. 7 Milliarden EURO erweitern. Es ist aber sicher, dass der große Gewinner insgesamt aufgrund seiner geographischen Lage Österreich sein wird."

Besteht nicht eine Gefahr, dass ausländische Arbeitskräfte den österreichischen und deutschen Markt überströmen werden? Frau Rantzen: "Nein, diese Gefahr besteht überhaupt nicht! Zum einen gibt es Übergangsregelungen, die den möglichen Zuzug begrenzen; zum anderen sind die meisten Menschen, gerade auch in Slowenien so verwurzelt, dass sie an ihren Wohnorten bleiben werden; außerdem werden sich die Beschäftigungsmöglichkeiten in Slowenien verbessern, besonders für Fachkräfte mit guten Sprachkenntnissen in Englisch und Deutsch."


Die deutsch-slowenische JSW-Mannschaft mit Kurent aus Ptuj

Welche Berufsausbildung empfiehlt die Leiterin der Delegation der deutschen Wirtschaft den Jugendlichen in Slowenien, um gute Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt zu haben? "Nach meiner Meinung sind eine kaufmännische, eine ingenieurtechnische und eine medizinische Ausbildung sehr empfehlenswert. Wenn Sie Erfolg haben möchten , sollten sie sich spezialisieren, mit Sprachkenntnissen! Ich würde ein Studium der "Interkulturellen Kommunikation", wie es heute Mode scheint, nicht empfehlen, weil es viel zu allgemein ist."

Was die Einführung des EURO in Slowenien betrifft, so sieht Frau Rantzen "keine Risiken, nur Chancen, wenn sich auch die Preise vorübergehend etwas erhöhen werden. Sie haben persönliche Vorteile: Sie können in den EURO-Ländern reisen, ohne Geld wechseln zu müssen: Es gibt strukturelle Vorteile: Der Euro ist eine kalkulierbare Größe für Firmen, das schafft Planungssicherheit, auch, weil der EURO sich neben dem Dollar als Weltwährung bereits etabliert hat und Slowenien hat die Euro-Kriterien fast schon erfüllt, es gibt allerdings noch ein Problem mit der Inflationsrate."

Die deutsche Wirtschaft sieht Slowenien übrigens "als Sprungbrett in die südlichen Länder des ehemaligen Jugoslawien: Das ist ein klares Ziel, der deutschen Wirtschaft. Joint ventures werden von Slowenien aus vorbereitet, besonders nach Kroatien, aber auch nach Serbien; mit Bosnien-Herzegowina sind die Kontakte noch nicht so intensiv."

Und was weiß Frau Rantzen über deutsch-slowenische Wirtschaftsbeziehungen aus der Region um Ptuj? Sie zeigt uns eine offizielle Liste mit Unternehmen, die aus der Region Wirtschaftskontakte nach Deutschland haben. "Perutnina Ptuj" ist nicht dabei. Unseren Hinweis auf die Beziehungen des Unternehmens zum Münchner Oktoberfest nimmt sie dankbar auf, ebenso wie unsere Einladung: "Ptuj steht noch auf meiner Besuchsliste! Und wenn ich in die Stadt komme, werde ich auch das Gymnasium besuchen!"

Ende eines langen, intensiven und offenen Gesprächs: Es war spannend und lehrreich. So können wir uns der Meinung von Frau Rantzen nur anschließen: "Solche Projektarbeit sollte in jedem Fall weitergeführt werden!"

Wir arbeiten daran!


JSW-AG, Gymnasium Ptuj:
Tina Kajzer, Ana Kranjnc, Gregor Moleh, Simona Munda, Mateja Pesek, Sabina Serbak, Andrej Slana, Jure Verbancic, Marko Vurzer;
Vorbereitung, Redaktion und Fotos: Gerald Hühner


Nachbereitung des Interviews: Jugend-Schule-"Wirtschaft"


Weitere Infos auf der Website der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Slowenien


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